Neuer Umgang mit Muslimen

11. Februar 2018, 15:09 Uhr
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Die evangelische Rheinische Kirche hat ein zweiseitiges Positionspapier mit dem eher unspektakulären Titel „Für die Begegnung mit Muslimen." herausgebracht. Der Inhalt sorgt allerdings für Streit unter evangelischen Theologen und Geistlichen – denn d

Das zweiseitige Positionspapier der evangelischen Rheinischen Kirche „Für die Begegnung mit Muslimen. Theologische Positionsbestimmung." hat einen Streit über die Grundwerte und den Missionsauftrag der zweitgrößten evangelischen Kirche Deutschlands ausgelöst – im Mittelpunkt: Der Umgang und der Dialog mit Muslimen.

Unter Punkt drei des Positionspapiers steht nämlich, dass der Dialog mit Muslimen auf das gegenseitige Kennenlernen, das Aushalten von Differenzen, und dann wörtlich: „Nicht aber auf eine Konversion zur jeweils anderen Religion" abziele.

Diese auf den ersten Blick eher unauffällige Formulierung hat bei tieferer Begutachtung eine immense innerkirchliche und auch gesellschaftliche Sprengkraft, denn sie wirft eine entscheidende Frage auf:

Verabschiedet sich hier etwa die evangelische Kirche in Deutschland vom Missionsauftrag gegenüber Muslimen?

Der Gemeindepfarrer in Bonn-Duisdorf Wolfgang Harnisch hat in einem Interview für den Deutschlandfunk sein Unverständnis in Bezug auf diese Formulierung  klar zum Ausdruck gebracht. Er sei verwundert, dass der Begriff „Mission“ sichtbar gezielt vermieden werde.

„Das hat mich deshalb gewundert, weil wir unser Selbstverständnis als Evangelische Kirche und auch in vielen Gemeinden so beschreiben, dass wir sagen, wir wollen missionarisch Volkskirche sein, und zwar in einem positiven Missionsverständnis, was durchaus Dialog mit einschließt. Man kann Mission nur dialogisch betreiben“, zitiert der Deutschlandfunk den Geistlichen.

Gleichzeitig hebt Harnisch hervor, dass er nicht falsch verstanden werden wolle – er kritisiere nicht den offenen Dialog mit Muslimen.

Im Gegenteil: Gerade seine Kirche und das Gemeindezentrum würden beispielsweise durch eine eigene öffentliche Bücherei, wo auch arabische Literatur angeboten werde, erheblich den christlich-muslimischen Dialog  fördern.

„Also, ich bin ganz entschieden für den Dialog und zudem auch interreligiösen Dialog und politischen Dialog. Da gibt es überhaupt keine Alternative. Wir müssen im Gespräch sein", betont der Pfarrer, um nicht falsch verstanden zu werden.

Gleichzeitig zeugt das öffentliche und offene Auftreten von Harnisch durchaus von Mut, denn zahlreiche andere Kritiker des neuen Positionspapiers vermieden öffentliche Stellungnahmen, um nicht fehlinterpretiert zu werden oder auch muslimische Mitbürger nicht zu verschrecken.

„Andere Kritiker haben Interviews abgesagt – aus Sorge, sie könnten damit den Dialog mit muslimischen Partnern in ihren Gemeinden gefährden. Das zeigt, wie angespannt das christlich-muslimische Verhältnis zurzeit ist“, schreibt in diesem Zusammenhang Rainer Brandes vom Deutschlandfunk.

Ziel des Positionspapiers

Eine der Hauptautorin des umstrittenen Positionspapiers ist die Theologin und Vorsitzende des Theologischen Ausschusses der Rheinischen Landessynode Ilka Werner. Sie erklärt, dass solch eine Formulierung des Positionspapiers in erster Linie darauf abziele, den Dialog mit Muslimen nicht zu gefährden und sie nicht zu verschrecken.

Dies sei wichtig im heutigen Deutschland, weil viele „in unserer Gesellschaft dem Islam das Religion-Sein absprechen“, so Werner.

Eine aggressive christliche Missionierung im Sinne von Bekehrung von Andersgläubigen sei nicht mehr angemessen – so der Grundgedanke der Co-Autorin des Positionspapiers.

Die kirchliche Mission werde nun mal zu oft mit aggressiver Bekehrung in Verbindung gebracht, viele Muslime hätten darum Sorgen – etwa wenn ihre Kinder in Kitas gehen, die von Kirchen betrieben werden.

Gerade deshalb habe man sich entschieden, den Begriff der Mission aus dem Positionspapier zu tilgen, betont die Theologin.

Wolfgang Harnisch allerdings betont, dass es diesen aggressiven Missionierungsgedanken längst ohnehin nicht mehr gebe – die Autoren des Positionspapiers würden hier etwas bekämpfen, was nicht mehr existiere.

Den alten Missionsbegriff, der aggressive Bekehrungspredigten beinhaltet habe, habe man längst verworfen. Das aktuelle Missionsverständnis beinhalte vor allem den Dialog und das offene Sprechen über die eigene Religion – auch um das Gegenüber zum Nachdenken zu bewegen.

„Wir wollen überzeugend von unserem Glauben sprechen, sodass auch Menschen, die den Glauben verabschiedet haben oder sich atheistisch verstehen und ihr Leben deuten, dass die zum Nachdenken kommen. Das ist ein dialogisches Missionsverständnis“, zitiert Brandes den Pfarrer.

In der Tat wurde in der evangelischen Missionswissenschaft schon lange der Konsens getroffen, dass das moderne Missionsverständnis nicht bedeutet, andere bekehren zu wollen.

Dennoch, manchen evangelischen Theologen geht die Abkehr vom Missionsbegriff gerade im Umgang mit Muslimen scheinbar nicht weit genug.

Wie Brandes am Ende abschließend betont, zeigt die Auseinandersetzung in der Rheinischen Kirche, „dass in der evangelischen Theologie insgesamt eine Debatte aufbricht, inwieweit eine christliche Mission gegenüber Muslimen gerechtfertigt ist.“

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